Anspruch und Realität

 

In Gesprächen mit Pflegenden konnte ich oftmals eine innere Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit in den eigenen persönlichen Leitvorstellungen feststellen.

Die in diesem Zusammenhang häufig genannte Maxime, andere Menschen so pflegen zu wollen, wie man selbst später einmal gepflegt werden möchte, etwa ließ sich mit den tatsächlichen  Arbeits- und Rahmenbedingungen  vor Ort zumeist allenfalls nur sehr eingeschränkt realisieren.

Das Gefühl, nicht genug für die pflegebedürftigen Menschen tun zu können, kann auf Seiten der Pflegenden zu Frustration und zu Schuldgefühlen führen und zugleich dazu, dass die Einzelnen sich verpflichtet fühlen, über ihre eigentlichen physischen und psychischen Belastungsgrenzen in der täglichen Arbeit hinaus zu gehen.

Die empfundene Notwendigkeit und Bereitschaft dazu, selber Opfer zu bringen und die eigenen Bedürfnisse dabei zu missachten, kann sich dabei mit der Erwartung verbinden, dass auch andere dies tun: die Kolleg*innen im Team, Angehörige und Betreuer oder aber auch die Pflegebedürftigen selbst.

So führen unzureichende Personalschlüssel in der Arbeit mit Menschen mit Demenz und die daraus resultierende Überlastung in der Praxis keineswegs automatisch zu einem größeren Zusammenhalt und Zusammenschluss unter Pflegenden und Betreuenden.

Sie können ebenso gut zu einem konkurrierenden Verhalten und Verhältnis untereinander führen, in dem die Einzelnen Motivation und Opferbereitschaft des Anderen beobachten und taxieren, und in dem es in erster Linie um die Quantität des Geleisteten geht und um dessen soziale Bewertung.

Der von Pflegenden und Betreuenden wahrgenommene und in der eigenen Praxis erlebte Widerspruch zwischen Anspruch und Realität kann dabei im gleichen Moment zu einer erhöhten Vulnerabilität gegenüber der Kritik Anderer an der eigenen Arbeit führen, wie zu einer inneren Bereitschaft dazu, die gesellschaftlichen Klischees vom “Berufen sein” für die Pflege anzunehmen.

Er führt bislang noch kaum dazu, dass sich Pflegende und Betreuende aktiv für die Veränderung ihrer eigenen beruflichen Situation und Rahmenbedingungen einsetzen.

Ein Gedanke zu „Anspruch und Realität“

  1. Ich finde, der Eintrag fasst das Dilemma wirklich gut zusammen. Ich habe jahrelang auch nach der Maxime gelebt, ich arbeite so, wie ich gepflegt werden möchte. Mittlerweile strukturiere ich meine Arbeit mehr nach pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen und priorisiere so meine Arbeit. Bis jetzt sind die Patienten damit auch sehr zufrieden und mir geht es damit auch besser. Nichtsdestotrotz bedeutet natürlich auch mehr Personal eine bessere Patientenversorgung, aber das ist auch kein Automatismus, sondern es kommt auch auf den einzelnen an, was er daraus macht.

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